Mit teilweise autobiografischen Geschichten aus der Region
Hannover und Niedersachsen nimmt die Autorin ihre Leser auf eine Reise in die
vergangenen Jahrzehnte mit. Mal steht die Liebe im Vordergrund, mal sind es Geschichten,
die eine Gänsehaut erzeugen, zu Tränen rühren oder zum Schmunzeln anregen können. Ihre Vielseitigkeit
offenbart sie in passenden Gedichten. Rezepte runden den literarischen Reigen
ab.
Sah ich einen Regenbogen, nur für kurze Zeit. Sah wie bald sein Licht verging, in die Ewigkeit.
Das Haus der Morde Eine Geschichte aus
dem Hohen Norden Kinderjahre sollten ein kleines
unberührtes Paradies sein, die Erlebnisse dieser Tage begleiten
uns ein Leben lang. Doch was geschieht mit uns, wenn wir schreckliche Erinnerungen
im Herzen tragen, wo ist dann das Paradies?
Es waren ihre Augen. Große wissende Augen, die mir an
Eva zuerst auffielen. Und mir fiel auf, dass sie niemals lachte. Wir wohnten nun schon über ein Jahr bei Tante
Annemarie im Haus. Sie war Klaus’ Patentante. Eine liebenswerte ältere Dame,
die es uns leicht machte, ihr in allen Belangen beizustehen. Außer uns hatte
sie keine Verwandten. Nun war sie seit kurzem auf den Rollstuhl angewiesen.
Unsere Töchter Lena und Hanna hielten sich gerne in ihrer Nähe auf, brachten
ihr Lieblingsspielzeug zur Großtante und erwarteten ihren Applaus für kleine
Darbietungen. Seit geraumer Zeit beobachtete ich, wie die Kraft unserer Tante
nachließ. Auch benötigte sie mehr Schlaf als sonst. Auf meine besorgten Fragen
antwortete mir ihr Arzt mit ernster Miene: „Es ist vor allem das Herz. Wir können
kaum noch etwas für ihre Tante tun.“ Eine nochmalige Einweisung in ein Krankenhaus lehnte
sie – trotz des Wissens um ihren Zustand – strikt ab. Alles, was sie wollte,
war, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, und wenn es zu Ende ginge, auch
hier zu sterben. Ihr schlechter Gesundheitszustand sowie der wahrscheinlich
nicht mehr so ferne Abschied machten uns Angst. Doch wir respektierten
schließlich ihren Wunsch und taten alles, um ihr die Zeit, die ihr noch blieb,
so angenehm wie möglich zu machen. Bei schönem Wetter verbrachten wir die
meiste Zeit des Tages im Freien. Dann saß sie im Rollstuhl unter dem großen
Pflaumenbaum. Unseren Mädchen hatte ich eine Decke auf dem Rasen ausgebreitet.
So konnte ich mich nebenher ein wenig um den Garten kümmern. Seit ich Tante
Annemarie kannte und sie oft mit Klaus besuchte, faszinierte mich das
Nachbarhaus. Eine schöne alte Villa mit einem von Säulen getragenen
Balkon, weißen Fenstern mit Sprossen und einem Rundbogen im oberen Teil. Haus
und Garten machten einen äußerst gepflegten Eindruck, nur von den Nachbarn
bekam man selten etwas zu sehen. Ein Kontakt war ganz offensichtlich
unerwünscht. Auch Tante Annemarie wusste nicht viel über die Bewohner des
Nachbarhauses. Nur dass es sich um ein älteres Ehepaar handelte, einen Mann so
um die vierzig – wie sieglaubte der
Sohn des Hauses – sowie ein kleines Mädchen von zehn oder elf Jahren. Die
Eltern des Mädchens waren – noch bevor wir einzogen – bei einem Autounfall ums
Leben gekommen. Heute nun, an diesem schönen Sommertag, hielten wir uns alle
mal wieder im Garten auf. Hanna spielte im Sandkasten, Lena saß auf der Schaukel.
Klaus stand hinter ihr, hielt die Schaukel mit leichtem Schwung in Bewegung,
woraufhin Lena bei jedem Schubs vor Vergnügen jauchzte. Plötzlich stand sie am Zaun, der die beiden
Grundstücke voneinander trennte. Ihre kurzen blonden Haare leuchteten in der
Sonne. Sie trug ein hellblaues Baumwollkleid mit weißen Streublümchen. Einen
fast weißen Teddy hielt sie an sich gepresst, so als suchte sie bei ihm Halt.
Als ich auf den Zaun zuging, um ihr zu sagen, sie möge doch zu uns kommen,
zeigte ihr Gesicht keinerlei Regung. Nur ihren Teddy schien sie noch fester an
sich zu pressen. Dann drehte sie sich um und ging langsam mit gesenktem Kopf
auf das Nachbarhaus zu. Doch mir war nicht entgangen, dass sich im Erdgeschoß
eine Gardine bewegte. Verwundert – sicher auch etwas befremdet – ging ich zu
den anderen zurück. Tante Annemarie, der die Szene nicht entgangen war, schüttelte
den Kopf etwas traurig: „Helga, mit der kleinen Eva wirst du kein Glück haben.
Sie spricht mit niemandem, ich glaube sogar, sie darf mit keinem reden.“ Seit dem Tod der Eltern lebte das Kind ohne
Freundinnen oder Spielkameraden. Mich berührte das Schicksal der kleinen Eva
sehr, deren einziger Freund der weiße Teddybär zu sein schien. Auch andere
Nachbarn aus der Straße, mit denen ich manchmal ein wenig klönte, waren ratlos.
Auch sie hatten keinen Kontakt zu den Bewohnern der Villa. Ich kann es nicht so recht erklären, warum, aber von
nun an begann ich, das Nachbarhaus zu beobachten. Morgens wurde Eva von einem
älteren, fast überkorrekt gekleideten Herrn, in einer schwarzen Limousine
weggebracht und am frühen Nachmittag wieder abgeholt. Dass es sich um Evas
Großvater handelte, erfuhr ich erst von Tante Annemarie. Da sich dieses Ritual
täglich, außer in den Schulferien, wiederholte, schloss ich daraus, dass es
sich um Evas täglichen Schulweg handelte. Dann, eines Tages – ich kam gerade
mit dem Fahrrad vom Einkauf zurück – hielt der Wagen eines Bestatters vor der
Villa.