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"Sah ich einen Regenbogen"

  

  

  

von Rosalie Bruns

Ein Stück Zeitgeschichte aus der Region Hannover und Niedersachsen, anrührend und humorvoll erzählt

Taschenbuch,
Format 14,8x21cm,
116 Seiten
Preis: 10,90 €
ISBN
978-3-939883-10-4

     

  

Inhalt:

Mit teilweise autobiografischen Geschichten aus der Region Hannover und Niedersachsen nimmt die Autorin ihre Leser auf eine Reise in die vergangenen Jahrzehnte mit. Mal steht die Liebe im Vordergrund, mal sind es Geschichten, die eine Gänsehaut erzeugen, zu Tränen rühren oder zum Schmunzeln anregen können. Ihre Vielseitigkeit offenbart sie in passenden Gedichten. Rezepte runden den literarischen Reigen ab.

  Autorin:

Rosalie Bruns wurde 1937 geboren und lebt in Seelze in der Region Hannover. Sie kam nach 35 Jahren gemeinsamer Arbeit mit ihrem Mann in der von beiden geführten Tischlerei erst spät zum Schreiben und hat seit 2002 neben einem Lyrikband auch Lyrik und Kurzgeschichten in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Ihre Texte sind auch in den folgenden Anthologien des Verlages vertreten: "Liebe", "Fröhliche Weihnachten", "Natur", "Blumengrüße". Außerdem erschienen im Verlag ihre Bücher: "Träume wie Ebbe und Flut", "Von Zuckerschiffen und Hamstertouren", "Das Erbe der Zuckerschiffe"

 Geplante Lesungen zum Buch 

bullet_greenfire.gif Medienstimmen, u.a.:
Leinezeitung, 30.10.+21.11.2007
Umschau, 31.10. + 1.11.+ 5.11.2007
Leinezeitung, 18.04.2008

Textauszüge:

Sah ich einen Regenbogen,
nur für kurze Zeit.
Sah wie bald sein Licht verging,
in die Ewigkeit.

Das Haus der Morde
Eine Geschichte aus dem Hohen Norden
Kinderjahre sollten ein kleines unberührtes Paradies sein,
die Erlebnisse dieser Tage begleiten uns ein Leben lang.
Doch was geschieht mit uns,
wenn wir schreckliche Erinnerungen im Herzen tragen,
wo ist dann das Paradies?

Es waren ihre Augen. Große wissende Augen, die mir an Eva zuerst auffielen. Und mir fiel auf, dass sie niemals lachte. Wir wohnten nun schon über ein Jahr bei Tante Annemarie im Haus. Sie war Klaus’ Patentante. Eine liebenswerte ältere Dame, die es uns leicht machte, ihr in allen Belangen beizustehen. Außer uns hatte sie keine Verwandten. Nun war sie seit kurzem auf den Rollstuhl angewiesen. Unsere Töchter Lena und Hanna hielten sich gerne in ihrer Nähe auf, brachten ihr Lieblingsspielzeug zur Großtante und erwarteten ihren Applaus für kleine Darbietungen. Seit geraumer Zeit beobachtete ich, wie die Kraft unserer Tante nachließ. Auch benötigte sie mehr Schlaf als sonst. Auf meine besorgten Fragen antwortete mir ihr Arzt mit ernster Miene: „Es ist vor allem das Herz. Wir können kaum noch etwas für ihre Tante tun.“
Eine nochmalige Einweisung in ein Krankenhaus lehnte sie – trotz des Wissens um ihren Zustand – strikt ab. Alles, was sie wollte, war, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, und wenn es zu Ende ginge, auch hier zu sterben. Ihr schlechter Gesundheitszustand sowie der wahrscheinlich nicht mehr so ferne Abschied machten uns Angst. Doch wir respektierten schließlich ihren Wunsch und taten alles, um ihr die Zeit, die ihr noch blieb, so angenehm wie möglich zu machen. Bei schönem Wetter verbrachten wir die meiste Zeit des Tages im Freien. Dann saß sie im Rollstuhl unter dem großen Pflaumenbaum. Unseren Mädchen hatte ich eine Decke auf dem Rasen ausgebreitet. So konnte ich mich nebenher ein wenig um den Garten kümmern. Seit ich Tante Annemarie kannte und sie oft mit Klaus besuchte, faszinierte mich das Nachbarhaus.
Eine schöne alte Villa mit einem von Säulen getragenen Balkon, weißen Fenstern mit Sprossen und einem Rundbogen im oberen Teil. Haus und Garten machten einen äußerst gepflegten Eindruck, nur von den Nachbarn bekam man selten etwas zu sehen. Ein Kontakt war ganz offensichtlich unerwünscht. Auch Tante Annemarie wusste nicht viel über die Bewohner des Nachbarhauses. Nur dass es sich um ein älteres Ehepaar handelte, einen Mann so um die vierzig – wie sie  glaubte der Sohn des Hauses – sowie ein kleines Mädchen von zehn oder elf Jahren. Die Eltern des Mädchens waren – noch bevor wir einzogen – bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Heute nun, an diesem schönen Sommertag, hielten wir uns alle mal wieder im Garten auf. Hanna spielte im Sandkasten, Lena saß auf der Schaukel. Klaus stand hinter ihr, hielt die Schaukel mit leichtem Schwung in Bewegung, woraufhin Lena bei jedem Schubs vor Vergnügen jauchzte.
Plötzlich stand sie am Zaun, der die beiden Grundstücke voneinander trennte. Ihre kurzen blonden Haare leuchteten in der Sonne. Sie trug ein hellblaues Baumwollkleid mit weißen Streublümchen. Einen fast weißen Teddy hielt sie an sich gepresst, so als suchte sie bei ihm Halt. Als ich auf den Zaun zuging, um ihr zu sagen, sie möge doch zu uns kommen, zeigte ihr Gesicht keinerlei Regung. Nur ihren Teddy schien sie noch fester an sich zu pressen. Dann drehte sie sich um und ging langsam mit gesenktem Kopf auf das Nachbarhaus zu. Doch mir war nicht entgangen, dass sich im Erdgeschoß eine Gardine bewegte. Verwundert – sicher auch etwas befremdet – ging ich zu den anderen zurück. Tante Annemarie, der die Szene nicht entgangen war, schüttelte den Kopf etwas traurig: „Helga, mit der kleinen Eva wirst du kein Glück haben. Sie spricht mit niemandem, ich glaube sogar, sie darf mit keinem reden.“
Seit dem Tod der Eltern lebte das Kind ohne Freundinnen oder Spielkameraden. Mich berührte das Schicksal der kleinen Eva sehr, deren einziger Freund der weiße Teddybär zu sein schien. Auch andere Nachbarn aus der Straße, mit denen ich manchmal ein wenig klönte, waren ratlos. Auch sie hatten keinen Kontakt zu den Bewohnern der Villa.
Ich kann es nicht so recht erklären, warum, aber von nun an begann ich, das Nachbarhaus zu beobachten. Morgens wurde Eva von einem älteren, fast überkorrekt gekleideten Herrn, in einer schwarzen Limousine weggebracht und am frühen Nachmittag wieder abgeholt. Dass es sich um Evas Großvater handelte, erfuhr ich erst von Tante Annemarie. Da sich dieses Ritual täglich, außer in den Schulferien, wiederholte, schloss ich daraus, dass es sich um Evas täglichen Schulweg handelte. Dann, eines Tages – ich kam gerade mit dem Fahrrad vom Einkauf zurück – hielt der Wagen eines Bestatters vor der Villa.

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