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Ehemalige Buchvorstellung
"Kein Lolli für den Mörder" von Chris Bienert

1. Fall für Sam und Viktoria aus der Region Hannover

 

  

 


"Kein Lolli für den Mörder"
Krimi von Chris Bienert 
Der erste Fall für die gegensätzlichen Amateurdetektivinnen Sam und Viktoria aus Hannover, die auf unkonventionelle Weise den Mord an einem Auktionator aufklären

Taschenbuch,
Format 14,8x21cm,
164 Seiten
ISBN 978-3-8311-4551-5
ISBN 3–8311–4551–2
Preis: 10,90 €

Buchumschlag-Gestaltung Christine Bienert

 

 

 

  

Inhalt:
Eigentlich will sich die einunddreißigjährige Erzieherin Sam nur das Schloss ansehen, in dem das renommierte Auktionshaus Rebmann Antiquitäten versteigert. Dort versehentlich die Leiche des Senior-Chefs zu entdecken, ist die erste unangenehme Überraschung. Die zweite folgt in Gestalt der unkonventionellen, fast sechzigjährigen Angestellten Viktoria, die den Mord an ihrem Chef unbedingt selbst aufklären will. Ein Blutfleck auf Sams Bluse und zweifelhafte Indizien lassen sie unter Tatverdacht geraten. Um ihre Unschuld beweisen zu können, lässt sie sich überreden mit Viktoria und deren Sohn Olli den Mörder zu suchen. Die Spur führt nach La Palma, wo die beiden gegensätzlichen Amateurdetektivinnen prompt in Schwierigkeiten geraten ...

Autorin:
Chris Bienert lebt mit ihrer Familie in der Region Hannover. Sie hat in verschiedenen Berufen gearbeitet, u.a. als Journalistin und Dozentin. Mit Lyrik und Kurzgeschichten ist sie in zahlreichen Anthologien vertreten, außerdem wurde sie mit einem Krimi-Förderpreis ausgezeichnet. Der zweite Fall der beiden Amateurdetektinnen Sam und Viktoria "Erdbeeren für den Zeugen" und ein weiterer Roman "Hände weg von fremden Päckchen" sind ebenfalls in diesem Verlag erschienen.
Desweiteren arbeitet sie als Fotografin und hat mit ihren Fotos mehrere Bücher illustriert und Buchcover gestaltet. Einige i
hrer Fotos sind als Briefkarten , Lesezeichen und als Posterblock/Kalender hier im Verlag erhältlich. Zeitweise nimmt sie mit ihren Fotografien und Fotoarbeiten auch an Kunstausstellungen teil.

 memo_3.gif  Auszüge aus Rezensionen "Kein Lolli für den Mörder":

blue01_next.gif "Die Story weist clevere, ungewöhnliche Schachzüge auf ... Sam und Viktoria bilden ein wunderbar chaotisches Detektivgespann mit Eigenschaften, die wie Feuer und Eis wirken ... Für eine erfolgreiche TV-Verfilmung sind alle nötigen Ingredienzen vorhanden ..."
Dr.Klaus-Peter Walter, "Lexikon der Kriminalliteratur",  45.Erg.-Lfg.Juni 2004,Corian Verlag, Meitingen,

blue01_next.gif "Die Autorin hat eine flotte, spritzige Krimikomödie geschrieben ...Einfallsreich, spannend und fließend erzählt die Autorin eine Mördergeschichte, die auch nach Spanien führt ... Besonders auffallend und gelungen ist ihr Damendoppel ... Bewertung: **** (Bestseller - empfehlenswert)  www.deutsche-krimi-autoren.de

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"Chris Bienert ist es gelungen, eine spannende wie authentische Geschichte zu schreiben, die jeder nachvollziehen kann. ... Die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten - die Zweifel ebenfalls. Wer ist denn nun der wahre Täter? ... Ein Krimi gleichzeitig zum Schmunzeln wie zum Raten, zum Träumen wie zum Gruseln. Eine wirklich gelungene Mischung aus Abenteuer, Liebesgeschichte und Urlaubslektüre."
www.paashaas.de -
Onlineportal für gelungene Freizeitgestaltung
 

Textauszug

1.Kapitel

Ich werde nie wieder eine Münze werfen. Bis zu jenem trüben Samstag im Juni hatte diese Entscheidungshilfe immer funktioniert, wenn ich nicht wusste, ob ich an einem freien Tag lieber Zuhause herumgammeln oder etwas unternehmen sollte. Bild stand fürs Zuhausebleiben. Zahl bedeutete Aktivitäten, die meist Geldausgaben in Form von Eintrittsgeldern oder Einkäufen nach sich zogen. Egal wie die Münze fiel, stets hatte ich einen angenehmen Tag verbringen können, ohne mit der Polizei in Konflikt zu geraten.
Dieses Mal lag die Zahl oben. Die interessanteste Veranstaltung, die ich in der Hannoverschen Tageszeitung entdecken konnte, war eine Kunst- und Antiquitätenauktion im Schloss Ricklingen, in der gleichnamigen Ortschaft etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von Hannover. Als Attraktion war die Versteigerung eines edelsteinbesetzten Armbandes eines französischen Jugendstilkünstlers angekündigt. Von Kunst, Antiquitäten oder Schmuck hatte ich etwa so viel Ahnung wie eine Maus vom Domino spielen. Schlösser und Burgen dagegen faszinierten mich, seit mir meine Großtante in Kindertagen aus den Grimmschen Märchen vorgelesen hatte. Warum sollte ich also nicht einmal auf diesem Weg ein Schloss besichtigen?
Da das Schloss einst von gefürchteten Raubrittern bewohnt worden war, die von ahnungslosen Kaufleuten Schutzzölle erpresst hatten, erwartete ich einen geheimnisumwitterten Bau mit dunklen Erkern, Giebeln und Türmchen vorzufinden. Statt dessen demonstrierte das dunkelgelbe, rechteckige Schlösschen mit seinen weißen, hohen Fensterrahmen, nur kühle Vornehmheit. Lediglich die steinernen Statuen, die zwischen sorgsam beschnittenen Büschen an der Stirnseite standen, gaben ihm einen spielerischen Touch.
Über die ausladende Steintreppe, die am unteren Absatz von gusseisernen Laternen begrenzt wurde, gelangte ich durch ein riesiges Eichenportal in die hohe, geräumige Schlosshalle, die an einer breiten Schlosstreppe endete. Sah ich von einer gewissen Geschäftigkeit ab, die im Gebäude herrschte, wirkte die Halle wie ein überdimensioniertes, altmodisches Nobel-Wohnzimmer, von dem verschiedene Räume abzweigten. An einer weiß getünchten Wand, die in einer Stuckdecke endete, hing ein riesiges Wandgemälde mit einer düsteren Waldlandschaft. Darunter saßen versnobt aussehende Leute plaudernd in plüschigen, weinroten Sesseln. Sie tranken Kaffee oder Sekt und verfolgten über einen Monitor das Geschehen im Auktionssaal.
Während ich unschlüssig überlegte, welchen der beiden kleineren Räume ich zuerst erkunden sollte, die sich rechts und links vom Eingang gegenüberlagen, hatte ich das unbestimmte Gefühl beobachtet zu werden. Tatsächlich entdeckte ich über der linken Tür eine Überwachungskamera, die auf das Portal und somit auf mich gerichtet war. Der Raum unter der Kamera beherbergte die Garderobe. Dort bekam jeder Kunde nach Angabe seiner Personalien eine Bieterkarte, die ihm die Möglichkeit gab, sich an der Auktion zu beteiligen. Ich verzichtete. Geld, etwas zu ersteigern, hatte ich sowieso nicht. Mit einem Schlenker nach rechts, hoffte ich, mich dem gläsernen Überwachungsauge entziehen zu können. Auf Bildern, egal ob sie beweglich oder auf Papier gebannt waren, sah ich nie besonders vorteilhaft aus.
Eine Kordel versperrte mir den Zugang zum rechten Raum. Er wirkte auf mich wie eine große Abstellkammer, in der Porzellan, Stickereien und antike Haushaltsgegenstände gelagert wurden, die mitunter auch auf Hannovers Flohmarkt zufinden waren. Na ja, etwas exklusiver sahen sie hier schon aus, wie sie vor Sauberkeit im Licht der Scheinwerfer erstrahlten und von zwei seriös gekleideten Damen verwaltet wurden. Diese brachten abwechselnd einzelne, mit Nummern versehene Stücke durch einen Durchgang im hinteren Teil des Raumes in den mittelalterlichen Auktionssaal. Um ebenfalls in den Saal zu gelangen, musste ich die Halle durchqueren. Die Wände des Auktionssaales waren mit blauen und goldenen Wandskizzen auf weißem Grund bemalt. Vor einer solchen wandgroßen Blauskizze, die eine von Glocken umrankte Gartenlaubenidylle zeigte, thronte der Auktionator.
»Will denn niemand diese großartig gearbeiteten Damasttücher? Sie haben ein Jahrhundert überdauert und sind noch gebrauchsfähig.« Er wies auf einige weiße Handtücher, die von einer Auktionsmitarbeiterin hochgehalten wurden.
»Mindestgebot nur 60 Euro.«
Sein Blick glitt auffordernd über die Gäste und blieb hinter mir hängen. Ich sah verlegen weg. Dabei fiel mir ein weiterer Auktionsmitarbeiter vor der breiten Schlosstreppe auf, der auf einem erhöhten Podest mit Bildschirm und Telefon saß und Blickkontakt mit dem Auktionator hielt. Er schien für nicht anwesende Kunden zu bieten. Auf das Kopfschütteln seines Kollegen hin, versuchte der Auktionator ein weiteres Mal seine Tücher loszuwerden, die so gestärkt wirkten, als würden sie auf der Haut kratzen. Keiner wollte sie haben. Wer kaufte für diesen Preis alte Handtücher, wenn er für weniger Geld flauschige neue
bekommen konnte?
»Gut.« Er machte sich ein Zeichen auf einer Liste, die vor ihm auf dem Tisch lag, »Dann kommen wir nun zu einer Kostbarkeit, zur Nummer 124 ...«, er sprach die Zahl für seine Kolleginnen etwas lauter aus, »Ein Kaffeekännchen aus Meißner Porzellan, von 1880, Schätzwert 3200 Euro. Mindestgebot 2500.«
Bevor er seinen Satz beendet hatte, trat eine Auktionsmitarbeiterin mit einem geblümten Porzellannachttopf ein und hob diesen präsentierend hoch.
»Hm, unter Umständen könnte man auch aus diesem Gefäß einen Kaffee servieren«, meinte der Auktionator schmunzelnd, »Aber als besonders stilvoll würde ich dies nicht bezeichnen.«
Um mich herum wurde verhalten gekichert. Ein mittelgroßer Mann mit Brille und ergrauter Halbglatze, der am Eingang des Auktionssaales stand und den ich in seinem dunklen Anzug für einen leitenden Angestellten hielt, runzelte kritisch die Stirn und entfernte sich. Ich hoffte, er würde der Dame mit dem Nachttopf nicht zu große Vorhaltungen wegen ihres Fehlers machen. Ich fand die ungewollt witzige Einlage recht gelungen. Die Dame mit dem Nachttopf verschwand mit hochrotem Kopf und einer Entschuldigung auf den Lippen. Im nächsten Moment stand eine andere Mitarbeiterin mit einem kleinen, geblümten Kaffeekännchen dort. Für stolze 3900 Euro ging das Kännchen an einen unbekannten Telefonkunden.
Ich verfolgte eine Weile, wie sich die Zuschauer gegenseitig überboten, ohne dass ich begriff, woher der Auktionator wusste, wer sich an der Auktion beteiligte. Hob jemand wie in der Grundschule gut sichtbar seine Hand, leuchtete es mir ein, wenn der Auktionator den Preis erhöhte. Doch zu meiner Verwirrung gab es auch eine Geheimsprache mit versteckten Gesten, die offenbar nur der Auktionator und erprobte Kunden beherrschten. Für mich sah es aus, als würde das Zupfen am Ohr ebenso ein Zeichen des Bietens sein, wie das Schnäuzen der Nase.
Als mir eine meiner vorwitzigen, dunklen Locken vors Auge fiel, traute ich mich nicht, sie wieder an ihren Platz zu befördern, aus Angst durch diese Handbewegung als mögliche Käuferin angesehen zu werden. Einen Moment verharrte ich bewegungslos auf meinem Platz und wartete, mit einem Auge auf den Auktionator schielend, auf eine Pause. Natürlich musste ich mich endlos gedulden, bis nach einem Biet-Marathon eine Frau als Siegerin gekürt wurde. Für knapp zehntausend Euro hatte sie eine blumenbemalte Vase ersteigert, die ich als Unkundige nicht einmal als Geschenk angenommen hätte.
Als das nächste Stück offeriert wurde, verließ ich die Schnäppchenjagd im gehobenen Stil. Gemächlich schlenderte ich die Treppe hinauf und blieb auf halber Höhe stehen, um von oben die Schlosshalle betrachten zu können. Noch bevor ich den Blick auf mich wirken lassen konnte, prallte ein athletischer Typ gegen mich. Er war anscheinend in großer Eile die Treppe heruntergekommen und hielt seinen Blick unvorsichtigerweise auf die Schlosshalle gerichtet.
»Oh, Mann«, fluchte ich, ohne eine Antwort zu erhalten.
Er war fast einen Kopf größer als ich, trug einen grau melierten Baumwollpullover, der leicht nach Schweiß und einem angenehmen Duftwasser roch. Sekundenlang klammerte er sich an meinen Oberarmen fest. Ob er um sein Gleichgewicht fürchtete oder um meines, ließ er nicht erkennen. Klein wie ich war, sah ich hauptsächlich seinen sehnigen Hals und sein glattrasiertes Kinn, an dessen unterer Spitze eine zentimetergroße kaum erkennbare Narbe verlief. Seine vollen, dunkelblonden Haare wirkten leicht fettig und kräuselten sich im unteren Nackenbereich. Im nächsten Moment hatte er sich an mir vorbei geschoben und stürmte weiter.
Kopfschüttelnd machte ich mich auf den Weg, die obere Etage des Schlosses zu inspizieren. Das Rauschen einer Toilette, die hinter schmalen, mit Bauernmalerei verzierten Holztüren verborgen lag, erinnerte mich daran, diesem Ort auch einen Besuch abzustatten, sobald das Besetztzeichen an der Damentoilette verschwunden war.
»War's das endlich?«, hörte ich eine missmutige Frauenstimme über den Flur an mein Ohr dringen.
Ich beschloss das gewisse Örtchen später aufzusuchen und folgte stattdessen neugierig der Stimme. Sie kam aus einem Raum neben der Treppe, dem eine duftige Parfümwolke entströmte. Vier Frauen, deren Haare von kurz bis lang in unterschiedlichen Blondtönen schimmerten, standen in einem Raum verteilt, in dem Schmuckvitrinen mit dunklem Samt und zwei Standuhren in den Ecken den Hauptanziehungspunkt bildeten.
Die Kleinste der Frauen, die betreten auf eine Vitrine schaute, mochte Mitte Fünfzig sein und wirkte mit ihrer dunkel umrandeten Brille und der Turbanfrisur reichlich bieder, passte aber bestens zu den Antiquitäten. Neben ihr machte eine kräftige Endvierzigerin mit Pagenfrisur, die von ihrer Statur her gut als Mann durchgegangen wäre, ein ärgerliches Gesicht. Ihr schien die Stimme zu gehören, die mich angelockt hatte. Eine hochgewachsene, schlanke Frau Ende Dreißig, die ihre langen Haare zu einem eleganten Zopf gebunden hatte und an der Türschwelle zum Flur stand, schaute sie hochnäsig an. »Es gibt Dinge, die nicht oft genug wiederholt werden können, Frau Fiedler.«
Die vierte Frau im Zimmer, die mich mit ihrer Frisur an Marilyn Monroe erinnerte, lehnte lässig an einer Vitrine neben dem Mannweib und wirkte neben deren massigen Körper geradezu mickrig, obwohl sie größer war als ich. Kaum entdeckte sie mich, straffte sich ihr Körper und sie verzog ihr Gesicht zu einem Lächeln.
»Da alles geklärt ist, sollten wir uns besser unseren Gästen zuwenden«, meinte sie schlichtend mit Blick auf mich.
Prompt schauten die anderen drei in meine Richtung und setzten ebenfalls ein künstliches Lächeln auf. Mit ihren einheitlich dunkelblauen Kostümen und den weißen Blusen kamen sie mir wie verfärbte Pinguine vor, die gerade einen fetten Fisch erspäht hatten und den alle auf einmal erbeuten wollten. Ich lächelte gezwungen zurück und sah mich nach einem geeigneten Fluchtweg um. Der Raum gegenüber, der in grüngraue Farbtöne getaucht war und neben Kleinmöbeln eine weitere Vitrine enthielt, schien mir wenig geeignet, ihrer beflissenen Aufmerksamkeit zu entkommen. Also strebte ich bis zum Ende des Flures, wo eine weitere Zimmertür einladend geöffnet war.
Zufrieden, dass mir keine der Pinguin-Damen gefolgt war, betrat ich den Raum und blieb versehentlich mit meiner Tasche an einem großen, geschmiedeten Schlüssel hängen, der aus dem Türschloss herausragte und nun lautlos auf dem goldfarbigen Plüschteppich landete. Verlegen sah ich mich nach den verfärbten Pinguinen um. Keine hatte mein Malheur entdeckt. Schnell hob ich den Schlüssel auf und steckte ihn zurück ins Schloss.
Der Raum mit seiner verspielten, goldgelben, großflächig mit Ornamenten versehenen Stofftapete versetzte mich in die Rokokozeit. Jedenfalls vermutete ich dies, denn auf einem durchsichtigen, schmalen Plastikschild neben der Tür stand in schwarzen Schriftzeichen »Rokoko-Salon«. Passend zur Tapete hingen seitlich der Fenster bis zur Erde reichende Vorhänge, die in der Mitte mit einer Kordel zusammengerafft waren und einen malerischen Hintergrund zu einer Sitzecke mit zwei Sesseln und einem Rauchertisch bildeten. Mein Forscherdrang ließ mich durch einen Rundbogen in den hinteren Teil des Zimmers gehen, der zwei kleine mit Intarsien verzierte Kommoden und einen Kleiderschrank beherbergte. Bei einer der Kommoden, die zwischen einem Fenster und dem Rundbogen stand, war die oberste Schublade ein Stück herausgezogen.
Der dunkelgebeizte, wuchtige Kleiderschrank mit verschnörkelten Schnitzereien fesselte mein Interesse. Einen ähnlichen Schrank hat die Freundin meiner Großtante einst besessen. Darin hatte ich mich als Kind versteckt, um nicht nach Hause zu müssen. Dummerweise hatte mein Niesen mich damals verraten. Denn die Duftmischung aus Mottenkugeln und Kölnisch Wasser, die in den Kleidern gehangen hatte, war mir in die Nase gestiegen. Da die massive Tür des Schrankes nur angelehnt war, zog ich sie erwartungsvoll mit leisem Knarren auf. Fast rechnete ich damit, die altbekannte Duftmischung im leeren Schrank vorzufinden. Statt dessen strömte mir ein leichter Geruch nach Sekt und etwas Undefinierbarem entgegen. Er ging von einem älteren Mann im dunklen Anzug aus, der im schummerigen Licht des Schrankes zusammengekrümmt ein Nickerchen zu halten schien.
Ungläubig wich ich zurück. In Hannovers City hatte ich abends vereinzelt Obdachlose betrunken in Hausecken herumliegen sehen. Aber hier in diesen erlauchten Räumen antiquierter Vornehmheit hatte ich nicht damit gerechnet. Dezent wollte ich die Schranktür schließen und so tun, als hätte ich nichts bemerkt. Doch dann siegte mein soziales Gewissen als langjährige Erzieherin.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Der grauhaarige Mann mit den buschigen Augenbrauen antwortete nicht. Vorsichtig tippte ich seinen Arm an. Er bewegte sich auch nicht. Offenbar hatte er eine allzu reichliche Dosis Alkohol konsumiert und schlief seinen Rausch aus. Ich hielt es für besser, die Mitarbeiterinnen zu informieren, die sich um die Vitrine gescharrt hatten. Als hätte sie meinen Gedanken erraten, stand wie aus dem Boden gewachsen die Frau mit der Marilyn-Monroe-Frisur im Rundbogen. Mit ihrem sorgfältig geschminktem Gesicht und ihrer sportlichen Figur schätzte ich sie auf Mitte Vierzig. Ihr plötzliches, lautloses Auftauchen ließ mich zusammenschrecken.
»Interessieren Sie sich für den Schrank?«, fragte sie und musterte mich neugierig.
»Im Schrank sitzt ein Betrunkener«, antwortete ich wahrheitsgemäß und zeigte mit der Hand darauf.
»Ein Betrunkener? Im Schrank?«, echote sie und fügte nach einer kurzen Pause, in der sie mich in meiner preiswerten hellen Sommerhose und meiner grün gemusterten Bluse offenkundig taxierte, hinzu: »Sie müssen sich irren.«

Ihrem grinsenden, geringschätzigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war sie offenbar zu der Einschätzung gelangt, dass ich wohl die Betrunkene sei, die den unten gereichten Sekt in Unmengen in sich hinein gegossen haben musste.
»Sehen Sie doch selbst nach«, gab ich verstimmt über ihr herablassendes Verhalten zurück.
Noch immer grinsend trat sie an den Schrank heran. Augenblicklich schlug ihr Gesichtsausdruck in Entsetzen um. Ich sah es mit Genugtuung.
»Großer Gott! - Der sieht aber ziemlich tot aus«, stieß sie hervor.
»Was?«
Ich musste mich verhört haben. Der Mann war betrunken, nichts weiter.
Die Frau griff beherzt an seinen Hals und murmelte: »Er ist zwar noch warm, aber tot ist tot. - Na ja, der jüngste war er auch nicht mehr.«
Das war doch nicht möglich. Der Mann konnte doch nicht tot sein.
»Jetzt irren Sie.«
Sie richtete sich auf und bedachte mich mit einem herablassenden Blick. »Ich habe jahrelang als Krankenschwester gearbeitet. Da erkenne ich den Unterschied zwischen einem Toten und einem Betrunkenen.«
Kopfschüttelnd musterte sie erneut den Mann. »Aber wieso liegt er im Schrank? Das finde ich merkwürdig.«
Plötzlich schien sie etwas entdeckt zu haben. Vorsichtig drehte sie seinen Kopf zur Seite. Undeutlich konnte ich einen dunklen Fleck seitlich am Hinterkopf erkennen, von dem eine Blutspur an seinem Haar entlang nach vorn auf den dunklen Anzug verlief.
»Fantastisch«, sie strahlte mich an, als hätte ich ihr ein wunderbares Geschenk bereitet. »Er scheint erschlagen worden zu sein, ermordet. - Endlich! Endlich erlebe ich einen Mordfall in der Realität.«
Ihr makaberer Enthusiasmus ließ mich erzittern. Das konnte alles nicht wahr sein.
»So Kindchen, dann beginnen wir gleich mit den Ermittlungen, bevor ich die Kripo rufe. Wer sind Sie? Warum haben Sie ...«
Ich träumte. Jawohl, alles war nur ein Traum. Es gab keinen Toten. Es gab auch diese verrückte Frau nicht. Alles war in bester Ordnung. Gleich würde ich in meinem Bett aufwachen, mir den Schlaf aus den Augen reiben, aufstehen und mich über diesen Alptraum wundern.
»... Moment mal! Was ist denn das? An Ihrer Bluse ist ja Blut! Haben Sie ihn etwa umgebracht?«
Warum hörte dieser Alptraum nicht auf? In meinem Kopf schwirrte alles durcheinander. Die Frau begann sich zu drehen, ihre Stimme entfernte sich mehr und mehr. Es wurde dunkel vor meinen Augen. Jetzt würde ich wohl aufwachen.

   Copyright © Christine Bienert. Alle Rechte vorbehalten.                              Letzte Aktualisierung: 1/2011