Während der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit die
Vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts überschatteten, wuchs Rosalie
Bruns in Seelze (Region Hannover) heran. Mit ihren Geschichten läßt sie ihre
Kindheit aus einer Zeit lebendig werden, die das Schicksal so vieler Menschen
unauslöschlich geprägt hat. Doch es gab nicht nur Schreckenstage, wie jener, als sie ihren
kleinen Freund verlor. Es ereigneten sich auch Episoden zum Schmunzeln, die
beispielsweise eine ihrer „Hamstertouren“ im wahrsten Sinne des Wortes
versüßten. Ein abschließendes Kapitel hat sie der Küche aus ihren Kindertagen gewidmet
und stellt alte Rezepte vor.
Autorin:Rosalie Bruns
wurde 1937 geboren und lebt in Seelze in der
Region Hannover. Sie kam nach
35 Jahren gemeinsamer Arbeit mit ihrem Mann in der von beiden geführten
Tischlerei erst spät zum Schreiben und hat seit 2002 neben einem Lyrikband
auch Lyrik und Kurzgeschichten in zahlreichen Anthologien
veröffentlicht. Ihre Texte sind auch in den folgenden
Anthologien des Verlages vertreten: "Liebe",
"Fröhliche
Weihnachten", "Natur",
"Blumengrüße".
Außerdem erschienen im Verlag ihre Bücher: "Träume
wie Ebbe und Flut", "Sah
ich einen Regenbogen", "Das
Erbe der Zuckerschiffe" (Fortsetzung dieses
Buches)
Medienstimmen, u.a.: Leine
- Zeitung, 18.
Oktober 2005 Radio Flora, Interview mit Kurzlesung, 20.10.2005
Mindener Tageblatt, 14.
November 2005
Neustädter Zeitung, 02.
August 2006
Leine - Zeitung, 22.
September 2006
Mindener Tageblatt, 25.
Oktober 2006
Mindener Tageblatt, 14.
November 2006 Mindener Tageblatt, 25.April 2007 Mindener
Tageblatt,
2.Mai 2007 Vlothoer
Anzeiger, 27.April
2007 Vlothoer
Anzeiger,
2.Mai 2007 Radio Herford, 10.Dezember 2007 Tageszeitung NW-Bünde,10.12.2007 Bünder
Zeitung, 14.12.2007 Textauszug:
Als der
Zug für mich anhielt
Der Sommer 1943 neigte sich dem Ende zu. Bald müssten
wir Abschied von der nahen Badeanstalt nehmen; die Tage wurden kühler und das
Schwimmen in der nahen Badeanstalt war für dieses Jahr vorbei. So ganz klappte
es bei mir ja noch nicht, aber wenn meine große Schwester dabei war, durfte ich
mit. Solange das Wetter noch halbwegs gut war, spielten wir auf der Straße.
Wir, das waren Inge, Helga, Friedrich, Klaus und Heinz. Klaus und Helga wohnten
in den Häusern der chemischen Fabrik mit den schönen großen Fenstern, wir
anderen in den Siedlungshäusern der Ulmenstraße. Wir waren eine verschworene
Gemeinschaft. Ein paar meiner Spielkameraden waren schon zwei Jahre älter als
ich, doch das spielte keine wesentliche Rolle. Alles hätte wunderbar sein können, hätte uns nicht so
oft die Sirene mitten aus dem schönsten Spiel herausgeholt und daran erinnert,
daß Krieg war. Dann stoben wir auseinander, um auf dem schnellsten Weg nach
Hause zu laufen. Der Krieg gehörte 1943 in Seelze zu unserem Alltag. Wenn wir
auch nicht alles verstanden, um die Gefahr aber wußten wir sehr wohl. Die Ulmenstraße aber blieb unser Spielplatz. Zur Zeit
standen Glasmurmeln hoch im Kurs. Klaus besaß eine ganze Sammlung dieser bunten
Kugeln und ich bettelte zu Hause so lange, bis auch ich ein Päckchen davon
bekam. Es dauerte nicht mehr lange, da besaß jeder von uns eine beachtliche
Sammlung dieser bunten Glaskugeln. Klaus hatte die meisten. Er hatte ohnehin
immer die schönsten und teuersten Spielsachen, da konnten wir anderen nicht
mithalten. Einmal verteilte er kleine Kärtchen an uns, die in der Mitte geteilt
werden konnten. Es waren Einladungen zu seinem achten Geburtstag. Auf die
abgeschnittene Hälfte sollten wir schreiben, ob wir die Einladung annahmen oder
nicht. Wir Kinder sagten alle zu. Als gemeinsames Geschenk nahmen wir ein Buch
über Aquariumfische mit. Friedrichs Vater hatte es günstig besorgt. Zum
Geburtstag durfte ich mein blaues Kleid mit den weißen gestickten Blümchen
anziehen. Eigentlich mein Sonntagskleid, aber Mutter bestand darauf, daß ich
ordentlich gekleidet losging. Mein Haar wurde gebürstet, bis es glänzte und die
Hahnenkammrolle saß heute besonders gut. Wir trafen uns vor dem Haus. Natürlich waren wir ein
bißchen früh da. Friedrich, der bereits eine Armbanduhr sein eigen nannte, gab
Punkt drei das Zeichen zum Klingeln. Eine junge Frau mit einer kleinen weißen
Schürze öffnete die Tür, ließ uns eintreten und bat uns einen kleinen
Augenblick zu warten. Dann kam Klaus mit seiner Mutter in die Diele, um uns zu
begrüßen. Wir gratulierten ihm und überreichten unser Geschenk. Klaus trug
einen blauen Anzug mit Fliege, seine Mutter ein dunkles Kleid mit weißem
Spitzenkragen und eine goldene Uhr an einer langen Halskette. Wir Kinder waren
alle etwas befangen. Unsere Mütter hatten ständig etwas zu tun und trugen
einfachere Kleider. Einen Jungen mit Fliege hatte ich überhaupt noch nicht
gesehen. Wir wurden in ein Zimmer mit einem großen, bereits gedeckten Tisch
geführt. Das Mädchen mit der weißen Schürze bediente uns. Klaus Mutter erwies
sich als sehr freundlich; langsam verloren wir unsere Scheu. Nach dem Kaffee durften wir in ein anderes Zimmer
gehen, das offensichtlich das Zimmer unseres Spielkameraden war. An der Stirnseite
stand ein Klavier, in einer Ecke des Raumes entdeckte ich ein altes Schaukelpferd
aus Holz mit einer langen Mähne. Neben einem Schreibtisch stand auf einem
kleinen Tischchen ein Globus. Das ganze Zimmer war aufgeräumt, alles schien an
seinem Platz zu stehen. Hatten wir zunächst befürchtet, nichts anfassen zu
dürfen, waren wir angenehm überrascht, als Klaus seine besten Spielsachen
hervorholte. Es wurde ein schöner Geburtstag, den auch Klaus sehr zu genießen
schien. Um sechs Uhr war dann der ganze Zauber vorbei. So richtig ausgelassen aber waren wir auf der Straße.
Dort konnten wir auch ungehindert Fußball spielen. Ein Spiel, das ich gern mitmachte,
nur meine Eltern schimpften, wenn sie mich dabei erwischten. „Das schickt sich
nicht für Mädchen“, wurde mir gesagt, doch ich hatte immer den Verdacht, daß
der Hauptgrund dieses Verbots mein stets etwas ramponierter rechter Schuh war.
Schuhe mußten geschont werden, man kaufte nicht mal eben ein paar neue. Doch heute war alles etwas anders. Gleich nach dem
Mittagessen trafen wir uns draußen. Klaus kam schon wieder mit neuen Spielsachen,
die er uns voller Stolz vorführte. Eigentlich war er ja ein netter Junge, doch
heute durften wir nicht mit seinen neuen Sachen spielen. Irgendwie machte mich
das wütend. „Dann spiel doch alleine mit deinen Sachen“, rief ich. „Warum bringst du sie denn erst mit?“ Auch die anderen waren verärgert. Heinz und Friedrich
versuchten zu schlichten, doch irgendwie war der Spaß am Spielen vorbei. Da
auch ich etwas Neues beitragen wollte, was mich aus der Gruppe hervorhob,
erzählte ich, daß ich sowieso keine Zeit mehr hätte, weil ich pünktlich um
vierzehn Uhr auf dem Seelzer Bahnhof sein müsse, um meinem Vater das
Mittagessen zu bringen. Das war ja nun nichts Besonderes, doch als ich noch
hinzufügte, daß der Güterzug mit meinem Vater auf der Lok extra aus diesem
Grund auf dem Bahnhof halten werde, lachten mich alle aus. Ausgelacht zu werden konnte ich nicht ertragen,
schließlich war ich schon einige Male mit dem Kochgeschirr zum Bahnhof gegangen,
um Vater sein Essen zu bringen. Manchmal mußte ich einen Augenblick warten,
doch meistens war der Zug pünktlich. Und nun lachten alle über mich und das
angebliche Märchen, das ich ihnen erzählte. Wütend trat ich mit dem Fuß
auf. Den Zornestränen schon recht nahe rief ich ihnen zu: „Wenn ihr mir nicht
glauben wollt, dann kommt doch mit.“ Nun sahen sie sich etwas unsicher an, glaubten aber die Geschichte noch
immer nicht. Schließlich beschlossen sie, Heinz möge doch seinen Vater fragen,
ob meine Geschichte stimmen könne. Nach einer Weile kam er wieder und erzählte,
daß sein Vater der Meinung sei, ich hätte wohl ein wenig geflunkert. Züge
führen schließlich nach Fahrplan und hielten sicher nicht für ein kleines
Mädchen und seinen Vater, damit dieser ein Mittagessen in Empfang nehme könne.
Daraufhin lachten sie erneut über mich. Wütend ließ ich meine Spielkameraden
stehen.